IHK Arbeitsmarktradar Bayern 2026
Arbeitskräftelücke
Engpass nach Qualifikationen
2024 fehlten der bayerischen Wirtschaft rund 137.000 Arbeitskräfte (siehe Abbildung 1). Alle Arbeitslosen, die für offene Stellen formal passend qualifiziert sind, werden dabei im Modell mit diesen offenen Stellen verrechnet und reduzieren die Lücke. Somit repräsentiert die Arbeitskräftelücke im IHK Arbeitsmarktradar nur jene offenen Stellen, für die keinerlei passend qualifizierte Arbeitslose auf dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen.
In der Realität sind nicht alle Arbeitslosen auf Stellen zu vermitteln, für die sie eine passende Qualifikation haben. Dies kann vielfältige Gründe haben, von fehlenden Spezialkenntnissen oder praktischer Erfahrung bis hin zu persönlichen Motiven. Auch sind Arbeitskräfte in der Realität häufig ortsgebunden und nicht bereit jede Stelle in jeder beliebigen Region in Bayern anzunehmen, wie es das Modell unterstellt.
Der von den Unternehmen wahrgenommene Arbeitskräftemangel ist somit deutlich höher als die hier ausgewiesene Arbeitskräftelücke. Einen Hinweis darauf gibt auch die Zahl der offenen Stellen in Bayern, die 2024 mit 284.000 deutlich höher als der berechnete Arbeitskräftemangel war.
Abbildung 1: Arbeitskräftelücke und offene Stellen in Bayern 2018 bis 2029
Betrachtet man den Arbeitskräftemangel nach Qualifikationsniveau, so fehlten 2024 rund 86.000 Fachkräfte (v. a. mit einer beruflichen Ausbildung) bei 153.000 offenen Stellen für diese Beschäftigtengruppe. 2029 werden 127.000 dieser Arbeitskräfte fehlen (offene Stellen: 198.000).
Die Zahl fehlender Spezialisten (z. B. Meister, Fachkräfte mit Weiterbildung, Bachelor) betrug 2024 rund 23.000 (offene Stellen: 41.000) und wird bis 2029 auf 36.000 ansteigen (offene Stellen: 60.000).
Zudem fehlten 2024 bereits 25.000 Experten (v. a. Akademiker mit Master-Abschluss) bei 43.000 offenen Stellen. 2029 wird diese Zahl auf 41.000 ansteigen (offene Stellen: 63.000).
Bei den Helfern betrug 2024 die Arbeitskräftelücke lediglich 3.000 Personen, bei 47.000 offenen Stellen. Diese Diskrepanz zwischen der Arbeitskräftelücke und den offenen Stellen deutet auf erhebliche Probleme hin, die vorhandenen Arbeitslosen auch tatsächlich für eine Beschäftigungsaufnahme zu gewinnen. 2029 werden 13.000 fehlende Helfer (offene Stellen: 66.000) erwartet.
Abbildung 2 zeigt die Entwicklung der Stellenüberhangsquote nach Qualifikationsniveau. Sie ist definiert als der Anteil der offenen Stellen, für die es keine passend qualifizierten Arbeitslosen gibt. Ist die Stellenüberhangsquote sehr hoch, bedeutet dies also, dass es kaum Arbeitslose auf dem Markt gibt, die zumindest theoretisch für die Besetzung der offenen Stellen in Frage kämen. Kurz gesagt: Je höher diese Kennziffer, desto problematischer dürfte die Stellenbesetzung für Unternehmen sein.
Die Stellenüberhangsquote über alle Berufe lag in Bayern 2024 bei 48,3 % und wird bis 2029 auf 56,0 % steigen. Für rund jede zweite Stelle fehlen also passend qualifizierte Arbeitslose. Im Vergleich dazu lag die Stellenüberhangsquote in Deutschland bei 32,9 % und dürfte bis 2029 auf 40,4 % ansteigen. Der Arbeitskräftemangel ist in Bayern schon lange intensiver als in Deutschland.
Abbildung 2: Stellenüberhangsquote – Entwicklung nach Qualifikationsniveau 2018 bis 2029 in Bayern
Betrachtet man die einzelnen Qualifikationen, so war bei den Experten 2024 mit 58,2 % (d. h. rund 6 von 10 Stellen sind nicht passend zu besetzen) der Arbeitskräftemangel in Bayern relativ am höchsten und wird bis 2029 auf 64,3 % ansteigen. Die Stellenbesetzungsprobleme bei Spezialisten (57,0 %) und Fachkräften (55,9 %) bewegten sich 2024 auf nur geringfügig niedrigerem Niveau als bei den Experten. Bis 2029 wird die Stellenüberhangsquote bei den Fachkräften voraussichtlich auf 64,1 % und bei den Spezialisten auf 60,6 % weiter ansteigen. Auffällig ist der Anstieg der Stellenüberhangsquote bei den Helfern. Diese steigt von 2024 bis 2029 von 7,1 % auf 19,5 % sehr deutlich. Der Fachkräftemangel wird damit immer mehr zum allgemeinen Arbeitskräftemangel.
Engpass nach Berufen
Die Berufe mit den höchsten für 2029 erwarteten Engpässen sind in Abbildung 3 dargestellt. Zur besseren Einordnung sind die offenen Stellen in dem jeweiligen Beruf ebenfalls angegeben.
Die größten Arbeitskräftelücken werden 2029 für Fachkräfte im Verkauf erwartet. Hier werden 11.000 Arbeitskräfte fehlen. Bei den Spezialisten in Kinderbetreuung und -erziehung werden 6.000 Arbeitskräfte zu wenig am Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen. Bei den Fachkräften in der Lagerwirtschaft sowie Bauelektrik ist eine Lücke von jeweils rund 5.000 Personen zu erwarten. Ebenfalls große Lücken bestehen 2029 bei Helfern bei den Post- und Zustelldiensten (5.000), Fachkräften in der Kfz-Technik (5.000) sowie Fachkräften in der Gesundheits- und Krankenpflege (4.000).
Die Arbeitskräftelücke in einem Beruf ergibt sich aus den offenen Stellen minus den auf dem Arbeitsmarkt verfügbaren passend qualifizierten Arbeitslosen. Die gesamte Nachfrage der Unternehmen in dem jeweiligen Beruf ergibt sich wiederum aus den Beschäftigten addiert mit den offenen Stellen. Genauere Hinweise zur Interpretation finden sich im vorherigen Kapitel „Engpass nach Qualifikationen“.
Abbildung 3: Top 10 Berufe mit den höchsten Arbeitskräftelücken 2029 in Bayern
Ist die Arbeitskräftelücke ähnlich hoch wie die Anzahl der offenen Stellen, bedeutet dies, dass auf dem Markt kaum passend qualifizierte Arbeitslose zur Verfügung stehen und auch die Stellenüberhangsquote entsprechend hoch ist.
Die Berufe mit den höchsten erwarteten Stellenüberhangsquoten 2029 in Bayern, und damit am schwierigsten zu besetzen, sind Fachkräfte im Objekt und Personenschutz, im Gleisbau und der Überwachung und Steuerung des Eisenbahnverkehrs, Spezialisten im Tiefbau, der öffentlichen Verwaltung und dem Beton- und Stahlbau sowie Experten in der Heilerziehungspflege und Sonderpädagogik, der Ver- und Entsorgung und der kaufmännischen und technischen Betriebswirtschaft. In all diesen Berufen liegt die Stellenüberhangsquote über 95 %.